Mittwoch, 8. Mai 2013

Autobahnideologie

Es gibt nur wenige politische Themen, die den Deutschen reizen. Ein allgemeines und immer gültiges Tempolimit auf Autobahnen jedenfalls, so viel ist sicher, ist eines davon. Es ist Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, Ideologien aus der Diskussion zu verbannen und die Ratio walten zu lassen.

In diesem Land, mit seinen verqueren Freiheitsbegriffen, gilt die Autobahn als letzter Zufluchtsort eines liberalen Zeitgeistes. Was des Russen Wodka, des Amerikaners Waffen, ist des Deutschen Straße.

Die Autobahn ist ein öffentlicher Ort, kein abgetrennter Bereich. Aber, dass in diesem öffentlichen Raum anerkannte Regeln gelten müssen, dass Freiheit nur so weit greifen darf, wie sie die der anderen Individuen nicht verletzt, dies wird bei der Diskussion um eine verbindliche Geschwindigkeitsbegrenzung immerzu ausgeblendet.

Aber gerade dieser Fakt ist von absoluter Relevanz. Denn auf einer Rennstrecke herrscht Einigkeit über Sinn und Zweck der Fahrt, auf der Autobahn nicht. Viel mehr prallen hier verschiedene Autofahrtypen aufeinander: notorische Drängler, Raser, Schleicher.

Wir alle kennen diese Begriffe. Und weil wir sie kennen, läuft etwas falsch. Es läuft etwas falsch, weil viele Menschen ihr Auto, das Fahren, als eine Art der Selbstverwirklichung sehen. Aber Autofahren darf letztlich immer nur ein Akt der Fortbewegung sein. Es geht nicht um Spaß, Freiheit oder Freude am Fahren. Jedenfalls nicht im öffentlichen Raum.

Sofern wir die volkswirtschaftlichen Aspekte hinzuaddieren, die Vorteile eines Tempolimits sachlich sehen, kann nur herauskommen, dass wir es früher oder später einführen müssen. Alles andere ist ideologische Verblendung, das Schüren von Ängsten, der Fang von Stimmen auf Basis eines schlussendlich – im wahrsten Wortsinn – überholten Denkens.

Dienstag, 5. März 2013

Betr.: Tugendfuror.

Liebe Medien, 

Gott sei Dank wurden meine Gebete erhört und die Würde des Amtes ist unverletzt geblieben: Joachim Gauck ist weiterhin Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Ich hatte ehrlich Angst, denn heutzutage ist schließlich alles möglich.

Die Empörungsmaschinerie hatte schon wieder an Fahrt aufgenommen, nachdem Gauck im Spiegel den Begriff "Tugendfuror" erwähnte. Es ging um den öffentlichen Umgang mit Rainer Brüderle. Tugendfuror 2.0 ist aber ausgeblieben und Gauck blieb verschont. Voerst. Vielleicht ja auch, weil ihr Euch ein wenig ertappt gefühlt habt und in einem schwachen Moment dachtet: „Okay, vielleicht übertreiben wir es manchmal doch ein wenig.“  

Ich bin mir dessen aber keineswegs sicher, deswegen sind die nächsten Zeilen unvermeidlich. Es liegt mir etwas auf dem Herzen, liebe Medien, es geht um Euer Handeln bei Skandalen. Vor allem, weil ihr Euch immer so gerne darauf beruft die Hüter der Demokratie zu sein, objektiv zu berichten, keine Hetze zu betreiben. Aber genau das ist falsch. Habt ihr ein Opfer auserkoren, seid ihr nicht mehr zu bremsen.

Und so kommt es, dass ihr immer weniger hütet und beschützt; viel lieber zerstört ihr Menschen, macht die Demokratie mit boulevardeskem Schrott kaputt: Mit Scheininformationen, die zu nichts führen, außer zum Niedergang einer bestimmten Person, einer bestimmten Institution, einer bestimmten Sache. Es sind Skandale und Debatten, deren einziger Wert die Unterhaltung ist. Dabei entstehen tonnenweise Artikel, wiederaufbereiteter Müll, umformulierte Agenturmeldungen. Ein einziger zäher Einheitsbrei, wohin man blickt, wohin man liest. Dann sagt ihr, der Betreffende wurde nicht in die Öffentlichkeit gezwungen, er muss mit den Konsequenzen, den Erwartungen, damit muss er leben. Aber euch, liebe Medien, zwingt doch auch niemand dazu jemanden niederzumachen und niederzuschreiben.

Ihr seid auch nicht objektiv, weil das gar nicht funktioniert, gar nicht funktionieren kann; wie könntet ihr es überhaupt sein? Medien, seid ehrlich, ihr seid von Menschen gemacht, simplen Subjekten. Tut wenigstens nicht so, als würdet ihr sachlich sein. Es geht um Klicks, um Likes, um Aufmerksamkeit. Darum, Leser für einen Moment zu fesseln, um sie womöglich langfristig zu binden, ihnen Werbeeinblendungen zu zeigen und damit Geld zu verdienen. Es ist Euch so unendlich egal, welche Sau ihr dafür vor Euch her treibt, so lange es sich profitiert, sich das für euren Auftraggeber rentiert. Es ist auch nicht schlimm, aber wenigstens ehrlich könntet ihr sein.

Und ihr hetzt, weil es nun mal Hetze ist, wenn man berichtet, obwohl es nichts zu berichten gibt. Wenn man tagelang meldet, wer, was, zu wem und warum sagt oder gesagt hat. Wenn man sich billige Worte aus den Fingern saugt, die keinen Inhalt haben. Wenn Umfragen gemacht, Deutschland-Trends produziert, Wortmeldungen eingeholt, Fragespiele ausgedacht werden.

Bin ich ein/e Brüderle?, fragt beispielsweise Bild um den Leser zu einem Brüderle-selbst-Test zu animieren. Ich frage: Meint ihr das ernst? Wenn es wirklich um das Thema ginge, wenn ihr etwas beizutragen hättet, wenn ihr die Gesellschaft verbessern wolltet, dann bräuchtet ihr keinen Brüderle, ihr bräuchtet keinen Wulff. 

Sondern ihr würdet sagen: Es gibt ein Sexismusproblem in diesem Land. Frauen werden benachteiligt, in Büros begrapscht, alte Männer flirten junge Frauen despektierlich an. Das ist ein Problem, wir wollen das ändern. Ihr würdet sagen: Es gibt korrupte Politiker. Es gibt Politiker, die haben ein Amt, von ihnen wird moralisch mehr erwartet als von anderen, aber sie halten sich nicht daran. Das ist ein Problem, lasst uns darüber reden. Ihr würdet recherchieren, Dinge benennen, aber ihr tut es nicht, sondern ihr zerstört in dieser Zeit, mit diesen Ressourcen, lieber die betreffende Person. Weil das einfacher ist. Und auch, weil ihr schlicht über die Möglichkeiten verfügt.

Ihr macht das mit einer Arroganz, mit einer angeblichen Unfehlbarkeit, die für jeden gilt außer für Euch selbst. Mit einer Arroganz, die suggeriert, dass ihr für alle sprecht. Aber, liebe Medien, diejenigen die Euch schaffen, sind politisch eher links als rechts, sie sind seltener verheiratet, häufiger geschieden, sie haben weniger Kinder, sie sind besser gebildet als der Durchschnitt. Vielleicht trinken sie auch mehr Alkohol und gehen später ins Bett. Es sind Tatsachen, naheliegende Vermutungen, die zu dem Schluss kommen, dass es Tugendfuror, die Hysterie um Ausrutscher bekannter Personen, schlussendlich eben doch gibt, dass Gauck schlussendlich Recht hat.

Vielleicht seid ihr gar nicht Schuld, sondern es gibt böse Menschen in bösen Redaktionen die Böses verlangen. Aber wäre es nicht umso sinnvoller, sachliche Artikel über Verfehlungen zu schreiben? Zu fragen, welche Konsequenz eine bestimmte Verfehlung nach sich ziehen sollte? Glaubt ihr wirklich, die Menschen wollen alle paar Wochen eine Hetzjagd sehen?

Wie auch immer die Antwort ausfällt: Ihr bewertet lieber sofort, stellt Urteile aus, straft Menschen ab. Nach einem erdachten Moralkodex, einem Tugendverständnis, das nirgendwo festgeschrieben ist, dessen Inhalt lediglich vermutet werden kann. Ist jemand prominent, erhält er oder sie ein wichtiges Amt, begeht einen skandaltauglichen Fehler - dann geht es vielleicht los, mit dem Tugendfuror. Am Ende steht die Person zumeist hingerichtet da. Allerdings nicht physisch, nicht mental, sondern: sozial.

Ist das wirklich alles, was ihr könnt?

 
Herzliche Grüße
Robert

Mittwoch, 13. Februar 2013

Ich bin konservativ.

Für mich ist es nicht immer angenehm, 22 Jahre alt zu sein und Politikstudent: das liegt an Kommilitonen, die vor allem das Adjektiv »unfehlbar« für sich beanspruchen und keine andere Meinung zulassen. Sie sind etwas Besseres, im Besitz der Gedankenhoheit, das lassen sie einen schon im Vorhinein wissen – und spüren. Ich finde es zugegebenermaßen anstrengend, mich für meine politische Gesinnung stets rechtfertigen zu müssen. Aber keine Sorge, ich werde es trotzdem tun. Denn wahrscheinlich liegt sowieso nur ein großes Missverständnis vor. Missverständnis? 

Ja, ganz genau. Wenn man nicht vom selben spricht, kann man sich auch nicht darüber verständigen, es erschwert die Kommunikation erheblich. Meiner Erfahrung nach, trifft das vor allem auf einen Begriff zu, er lautet: »konservativ«. Will man es sich im studentischen Leben besonders einfach machen, dann sagt man dies besser nicht von – oder besser gesagt: über – sich. Zumindest in einem Studiengang der Philosophischen Fakultät einer staatlichen Universität.

Denn »konservativ sein« ist altmodisch und rückwärtsgewandt. Gebildete Menschen denken nicht so, sie sind fortschrittlicher. Und: Sie kleiden sich auch nicht so spießig. Das Aussehen ist von besonderer Relevanz, denn sie erlaubt den Unfehlbaren die Feinde präzise zu bestimmen und sich von ihnen visuell abzugrenzen. Du ziehst dich falsch an, du bist konservativ, du bist reich, du kannst nichts drauf haben. Das ist die irre Kausalkette. Zu einem konservativen Studenten passt ergo irgendwas mit wohlhabenden Eltern und erkauftem Studienplatz; Burberry-Schal, Barbour-Jacke und Jurastudium; Bücher kaufen, anstatt sie in der Bibliothek zu leihen; ein MacBook haben und es mit in die Uni schleppen; Mitglied im RCDS sein; zurückgegelte Haare haben; Ralph-Lauren-Polo-Shirts tragen und nicht in der Mensa essen; und, und, und …

Ja, es sind Oberflächlichkeiten, manches trifft sogar auf mich zu – na und? Selbst, wenn ich es mir nicht selbst erarbeitet hätte, bedarf es keiner Beurteilung durch Dritte, und außerdem mag auch mich von verschrobenen Menschen ohne Weitsicht abgrenzen. Aber sowieso viel wichtiger ist, dass ich »konservativ« als ein Ideal verstanden wissen will. Und nicht als Modeerscheinung. Nehmen wir als Beispiel doch einmal die Familie, Stichwort: »Patchworkfamilie«.

Neuerdings scheint die sogenannte Patchworkfamilie zum Ideal geworden zu sein: »Seht her! Zwei Familien, neue Partner, unterschiedliche Kinder aus verschiedenen Beziehungen, leben harmonisch miteinander – wie vorbildlich!« Nun. Meint ihr, die Kinder freut es, dass ihre Eltern sich getrennt haben? Meint ihr, die Eltern leben gerne in einer Patchworkfamilie? Auch wenn gern so getan wird: Wohl kaum. Die neuen Familienformen (das gilt auch für die Ein-Eltern-Familie) existieren, weil die Beziehung zweier Menschen zerbrochen ist und alle Beteiligten irgendwie damit leben müssen. Ich finde es toll, wenn dieses Zusammenleben nach einer Partnerschaft oder Ehe klappt. Aber ist dies auch ein Ideal? Ist es erstrebenswert von vorn hinein zu behaupten Patchworkfamilien und Ein-Eltern-Familien seien normal? - Nein, denn wir streben nach einer stabilen Partnerschaft. Und wie symbolisiert man diese besondere Beziehung in einem christlich geprägten Land? Durch die Ehe - und jetzt kommt übrigens der Begriff »konservativ« ins Spiel.

Ich bin der Meinung: Die Ehe ist ein schützenswertes Konstrukt. Es ist gut, dass es sie gibt. Und es sollte sie weiterhin geben. Vielleicht sind es »alte Werte« die dafür sprechen, mag sein, und ja, modern ist für manche Menschen vielleicht etwas anderes. Aber sind meine konservativen Werte dadurch schlechter? Ist das bewahren (von conservare (lat.) = erhalten) ebenjener Güter falsch? Das kann wohl kaum jemand ernsthaft behaupten.

Was also ist »konservativ«? Es ist nicht die Frisur, nicht die Anziehsachen, auch nicht die Mitgliedschaft in bestimmten Organisationen und schon gar kein Parteibuch. Konservativ sein heißt: Hinterfragen. Hinterfragen, ob es wirklich in jedem Fall grundlegender Änderungen bedarf, ob die Gesellschaft diese tatsächlich will. Und es ist der Versuch, Güter, Werte und die Kultur dieses Staates zu erhalten. Es ist nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Das alles umfasst dieser Begriff für mich.

Und es tut mir Leid: Ich kann auch nichts dafür, wenn »konservativ sein« durch das Auftreten bestimmter Jugendorganisationen oder studentischer Gruppen zu einem Modelabel und Klischee verkommt – ich bin wirklich davon überzeugt, dass es in diesem Land Dinge gibt, die bewahrt werden sollten; so, wie das obengenannte Beispiel, die Ehe. Reduziert eine Idee doch bitte nicht auf die angebliche äußere Gestalt ihrer vermeintlichen Anhänger – die wissen nämlich noch nicht einmal, was konservativ bedeutet.

Dienstag, 15. Januar 2013

Heute gehe ich laufen.

Ich gehe schlafen; und morgen früh gehe ich laufen. Wirklich, echt. Laufen, gleich morgen früh. 

Ich wiederhole es innerlich vor mich hin, trage es vor mir her, die Gedanken beginnen zu kreisen und das Unterbewusstsein fängt an lange Bahnen zu ziehen, wie ein langsamer, gemächlicher Brustschwimmer in einem weiten Schwimmbecken.

Die kalte Winterluft, ich stelle sie mir vor, und dazu die Stille im Feld, meine Fußstapfen im hauchdünnen Schnee, eine Landschaft, die die Schallfrequenzen in sich aufsaugt. Dann, im Anschluss, das Gefühl den vielbeanspruchten Körper unter die Dusche zu stellen und den Dampf hinaufsteigen zu sehen; das Wasser dringt in die Poren. 

Der Spiegel beschlägt, meine Sicht beschlägt, ich schließe meine Augen. Schon bin ich eingeschlafen. Es ist nur ein Zwinkern, ein Augenaufschlag, und die Nacht ist vorbei. Wie gut habe ich geschlafen? Zu gut habe ich geschlafen.

Der Blick öffnet sich und draußen ist es kalt; auch im Zimmer ist es kalt. Die Wiese vor dem Fenster ist eingefroren und glänzt weiß. Mein Körper ist warm, er will nicht hinaus. Dann klingelt der Wecker. Erstaunlicherweise bin ich von alleine aufgewacht, eine ganze Stunde früher als sonst. Ich wäge ab; wobei es eigentlich kein Abwägen ist, wenn die Entscheidung schon feststeht.

Ich denke mir, jetzt gehe ich nicht laufen, denn später, am Vorabend, kann ich auch noch laufen gehen. Der Wecker wird eine Stunde später klingeln, das Aufstehen ist aber unterdessen nicht leichter geworden.

Unter der Dusche stelle ich mir vor, dass ich gerade zurückgekommen wäre: Das verschwitzte Shirt, die kalten Hände. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, aber ich fühle es nicht; weil man sich dieses Gefühl verdienen muss. Diesen kleinen Kampf gegen die innere Bequemlichkeit, die so menschlich, wie banal ist, muss man zu aller erst gewinnen. Erst dann gibt es das Gefühl etwas geschafft zu haben.

Der Tag geht rum, die Zeit plätschert dahin. Es ist eine Mischung aus Müdigkeit und Inaktivität, sie gräbt den Körper in sich ein. Der Sport am Morgen hätte gut getan, ja, gut getan - aber es ist nur ein »hätte«. Vieles wäre leichter, wenn man es denn tatsächlich tun würde - dieser wiederkehrende Konjunktiv nervt mich.

Das Problem ist: Ich weiß schon jetzt, wenn ich am nächsten Tag morgens aufwache, wird es wieder so verdammt gemütlich sein - und draußen so verdammt kalt. 

Ich werde denken: Gott, ich lasse es doch nur heute ausfallen, ich bin sonst doch ziemlich diszipliniert, und ja, die Welt hat größere Probleme als meinen fehlenden Willen in den morgendlichen Stunden.

Wieder ist es spät abends geworden, es war wieder nur ein Zusammenziehen der Augen.
Dann schon dämmert mein Blick hinfort.

Montag, 24. Dezember 2012

Nur irgendeine Bombe

Scherben, Trümmer, Schreie, Blut. Eine Bombe explodiert und Menschen sterben. Wobei; sie sterben nicht nur, sie werden getötet, ermordet. Der Druck und die herumfliegenden Splitter töten willkürlich, aber präzise - Körper werden zerstampft und zerrissen. Ja, Bomben sind ein furchtbarer vom Menschen erdachter Albtraum.

Mein Schnitzel wird wohl gerade fertig gemacht. Ich sitze am Tisch und starre auf mein Smartphone. Es gab Zeiten, da hatte die Zivilisation noch bessere Manieren. Irgendwann erscheint auf dem Display: »Eilmeldung - Bonner Hauptbahnhof wegen verdächtiger Tasche gesperrt.«

Ich sitze in der Südstadt, die kleine Imbissbude kennt jeder dort, und ich ärgere mich. Wäre ich sofort nach der Vorlesung zum Hauptbahnhof gegangen, in den Zug gestiegen, wäre ich jetzt schon zu Hause. So aber - Hauptbahnhof, verdächtige Tasche - ahne ich schon welche Odyssee mir bevorsteht. 

Vorerst esse ich aber in Ruhe und trinke meine Cola aus, draußen fängt es zu regnen an. Irgendwann schaue ich wieder auf mein Handy, es gibt nichts neues. Ich bezahle, gehe los, zur Straßenbahn, fahre gen Süden, auch dort: keine Züge. 

Nach zwei Stunden warten geht es weiter.

In keiner Sekunde habe ich mir über die Bombe an sich Gedanken gemacht. Sie war nur ein ärgerlicher Grund für eine Verspätung. Ich kam später nach Hause als sonst, das nervte mich. Ist das gut oder schlecht? Bin ich abgestumpft? 

Am nächsten Tag fuhr ich wieder mit dem Zug nach Bonn. Es waren keine Polizeiabsperrungen zu sehen, alles war normal. Ich stieg aus, ging über den Bahnsteig und fuhr mit einer der Rolltreppen hinunter. 

Für mich passierte an diesem Montag vor zwei Wochen, diesem 10. Dezember, rein gar nichts. Es war nur irgendeine Bombe.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Jeder hat Rechte

Verbrechen passieren in jeder Gesellschaft. Das ist bitter, aber man kann es nicht ändern. Begeht jemand eines, hat dieser eine Strafe zu erwarten. Im schlimmsten Fall ist das der Freiheitsentzug. Es ist gut, dass dies das höchste Strafmaß ist und es die Todesstrafe nicht gibt.

Strafe in unserer Rechtsordnung bedeutet nämlich vor allem Resozialisierung, der Glaube, dass sich Menschen bessern können, eine zweite Chance verdient haben und wieder in die Gesellschaft integriert werden müssen. Bleibt jemand für die Allgemeinheit gefährlich, gibt es das Mittel der Sicherungsverwahrung.

Von diesen Möglichkeiten kann man halten was man will (die Sicherungsverwahrung muss bis 2013 neu geregelt werden), um diese Dinge geht es mir in diesem Beitrag auch gar nicht. Es geht im Folgenden um Menschenrechte und die Würde des Menschen. Unser Staat, unsere Gesellschaft, unser gesamtes Leben baut auf Basis dieser Begriffe auf. Es ist ein schützenswertes Konstrukt, mit allem was damit zusammenhängt, mit allen Konsequenzen, die das Bewahren dieser Begriffe nach sich zieht. Viele scheinen das vergessen zu haben und das ist ein Problem.

Denn Deutschland ist ein toller Staat. Hier gibt zum Beispiel Rechtsgüter wie die Presse- und Meinungsfreiheit oder das Briefgeheimnis. Man kann sich seine Religion frei aussuchen und man darf die Regierung kritisieren ohne Angst vor politischer Verfolgung zu haben. Das ist aber noch nicht alles. In unserem Staat gibt es außerdem die Menschenwürde. Es weiß zwar niemand so genau, was dieser Begriff eigentlich bedeutet, denn er ist nicht definiert. Wenn man sich aber mal kurz vorstellt, dass jeder Mensch heilig, also ein Geschöpf Gottes ist und diese Heiligkeit ewig währt, ist schon viel gewonnen. Jeder Mensch bedeutet übrigens wirklich jeder Mensch. Also zum Beispiel auch freigesprochene, mutmaßliche oder tatsächliche Sexualstraftäter und Kindermörder.

Ich muss das leider betonen, denn wenn ein vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochene Person wie Jörg Kachelmann bei »Günther Jauch« in aller Öffentlichkeit (weiterhin) stigmatisiert und diffamiert wird, wenn man ernsthaft darüber sprechen muss, dass ein Kindermörder wie Magnus Gäfgen nicht gefoltert werden darf - ja, dann läuft etwas falsch in diesem Land. Mir geht es nicht um diese Personen an sich, mir geht es um ihre Würde.

Zum Fall Gäfgen hatte ich letztens noch eine Talkshow gesehen. Es müsste im Oktober »Lanz« gewesen sein, unter anderem war Gäfgens Verteidiger zu Gast. Die Sendung war mir von Anfang an völlig suspekt, musste der Anwalt doch allen Ernstes den Zuschauern - und allen voran Markus Lanz selbst - erklären, dass auch ein (zu diesem Zeitpunkt: möglicher) Mörder eines kleinen Jungen seine Menschenwürde nicht verloren hat, zu keinem Zeitpunkt verlieren kann, er also in keinem erdenklichen Fall gefoltert werden durfte. Wir erinnern uns: jeder - ewig. Das ist schmerzvoll, es widerspricht dem Unrechtsbewusstsein der meisten Menschen, aber es ist aus Prinzip richtig.

Umso erstaunter war ich über einen Auftritt von Til Schweiger und Armin Rohde im letzten Jahr in ebendieser Sendung (wichtige Stellen: ab 04:50 und ab 09:55). Ich weiß nicht, ob Schweiger das heute immer noch so sieht, aber besonders nett in diesem Zusammenhang ist dieses Zitat von ihm: 
»Ich bin der Meinung, dass jemand (...), der eine Sexualstraftat vollführt, der hat sein Recht in dieser Gesellschaft verwirkt.« 
Diese Worte sind auf so vielen Ebenen verstörend und gegen alles wofür unser Grundgesetz steht, dass man nur froh sein kann, dass Schweiger lediglich Tatortkommissar, und nicht unser Justizminister wird. Wobei ich schon das, für eine wie ich finde menschenverachtende Aussage, viel zu ertragen finde. Es ist eine Sache, was man privat von sich gibt, eine andere, was man als öffentliche Person verbreitet. Besonders schlimm finde ich außerdem das Publikum, welches die Worte Schweigers bejubelt, und einen Moderator, der meiner Meinung nach seinen journalistischen Pflichten nicht nachkommt.

Ich weiß schon was jetzt entgegnet wird: Versetz dich doch mal in die Lage einer Mutter, deren Kind missbraucht wurde. Versetz dich doch mal in die Lage des Opfers! Ja, den Einwand verstehe ich. Und ja, es muss abartig bitter sein und wütend machen. Ja, ich wünschte niemand müsste jemals so etwas ertragen.

Aber wer so argumentiert hat das Grundsätzliche nicht verstanden.

Es geht nicht darum, was man fühlt, was man als gerecht oder ungerecht empfindet. Es gibt Prinzipien in unserem Rechtsstaat, die eingehalten gehören. Man kann schlicht nicht sagen: In diesem Fall ist das Foltern in Ordnung, im anderen Fall nicht. Oder: Wenn jemand ein Kind vergewaltigt, gehört derjenige kastriert (solche Vorschläge gibt es) oder umgebracht oder, so steht es unter dem YouTube-Video: »Sexualstraftäter gehören für immer weggesperrt!«

Die Basis eines Prinzips ist es eben dann eingehalten zu werden, wenn man glaubt, man müsste sich nicht daran halten. Niemand darf getötet werden, niemand gefoltert, niemand kastriert. Egal wann, egal wer, egal warum.

Bei uns gibt es außerdem, das habe ich anfangs gar nicht erwähnt, das Gut der Reisefreiheit. Es gibt andere Länder auf der Welt, da gibt es die Todesstrafe, die Folter und Männer werden kastriert. Man kann gerne dorthin reisen und versuchen sich selbst ein Bild davon machen. Die Staatsbürgerschaft dieses Landes würde ich allerdings nicht annehmen - man kommt meist nur schwierig wieder weg.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Mein Lieblingsbuch

"Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn." - Jorge Luis Borges 

Antoine de Saint-Exupéry ist mein absoluter Favorit unter den Autoren, sein bekanntestes Werk ist »Der kleine Prinz« aus dem Jahr 1943. Es erzählt von einem Piloten, der mit seinem Flugzeug in einer Wüste notlanden muss und in dieser menschenbedrohlichen Umgebung einem kleinen Jungen von einem fremden Planeten begegnet. Es ist eine berührende Geschichte, leicht geschrieben und doch behandelt »Der kleine Prinz« die großen Themen des Lebens. Ich lese es immer wieder gerne, doch mein Lieblingsbuch ist es nicht geworden.

Saint-Exupéry starb bei einem Flugzeugabsturz, die Umstände sind bis heute nicht gänzlich geklärt. Gewiss macht das einen Teil der Anziehungskraft des Autors aus. Für mich noch spannender ist aber die Tatsache, dass sein Hauptwerk ziemlich unbekannt geblieben ist. Es heißt: »Die Stadt in der Wüste« oder im Original »Citadelle«.

Der Autor selbst hat die Veröffentlichung leider nicht mehr erlebt, weswegen auch kein zusammenhängender Plot zu lesen ist. Seit dem Jahr 1938 arbeitete Saint-Exupéry am Manuskript, er schrieb handschriftlich, dann wieder mit Schreibmaschine. Zufrieden schien er nie zu sein und so fand eine wirkliche Sichtung des Materials seinerzeit auch nie statt; erst postum wurde das Material durchforstet, mit dem Ergebnis, dass alles, die gesamten Fragmente, veröffentlicht wurden. Umso mehr trifft das Zitat vom Beginn dieses Textes zu: man hat wirklich das Gefühl, man würde mit einem fremden Gehirn denken, wobei die Interpretation völlig einem selbst überlassen bleibt. Das Lesen hat etwas sehr meditatives – und ich bin weiß Gott kein Esoteriker.

Wie also liest sich »Die Stadt in der Wüste«? Geschrieben ist es aus der Sicht des Sohns des Königs, der die Stadt, die Menschen, die Natur und das Leben beobachtet und auf eine vielschichtige Weise beurteilt und analysiert. Es finden sich sowohl sehr moralphilosophische als auch religiöse Ansätze. Je weiter man aber voranschreitet, desto gewalttätiger werden die Ausführungen.

Man muss das Buch wirklich selbst lesen um es zu begreifen, und besonders wichtig ist: sich dabei konzentrieren. Der folgende Abschnitt hat mir übrigens besonders gut gefallen und gibt einen Einblick in die Schreibweise.
»Ich gedachte jedoch meines Vaters: [...] Wenn sich die Menschen hassen, so höre nicht auf die törichte Aufzählung der Gründe, aus denen sie sich zu hassen glauben! Denn sie haben noch ganz andere Gründe als die, die sie anführen und an die sie nicht gedacht haben. Sie haben ebenso viele um sich zu lieben. Und ebenso viele, um gleichgültig nebeneinander her zu leben. Und ich, der ich nie die Worte beachte, da ich weiß, dass das, was hinter ihnen steckt nur ein schwer zu entzifferndes Zeichen darstellt - genauso wie die Steine des Gebäudes nicht den Schatten und die Stille offenbaren, genauso wie die Baustoffe des Baumes nicht den Baum erklären -, warum hätte ich die Bausteine ihres Hasses beachten sollen? Sie bauten ihn wie einen Tempel und verwandten dazu die gleichen Steine, mit denen sie ihre Liebe gebaut hätten.« 
Dieser Absatz ist so unglaublich wahr. Aber trotzdem: entweder man mag diesen Stil oder man hasst ihn. Ich liebe diese Art und Weise und kann das Werk aus meiner Sicht nur weiterempfehlen. 


»Die Stadt in der Wüste«, 744 Seiten, 24,90 €.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Mensch, Moral und Medien

»Festnahme: New Yorker Polizei fasst mutmaßlichen U-Bahn-Mörder.«

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Die Rolle von Journalisten bei der sogenannten Geiselnahme von Gladbeck empörte im August 1988 deutschlandweit die Gemüter und obwohl ich selbst noch gar nicht auf der Welt war, kann ich das ziemlich gut nachvollziehen. Die Frage ist natürlich: Könnte das in unserer heutigen Zeit erneut passieren? Ich denke »ja«, weil die Menschen die selben geblieben sind. Es ist die gleiche sensationsgierige Masse wie vor 24 Jahren.

Mir ist schon klar, dass es ein Leichtes ist die Vergangenheit zu beurteilen - und irgendwie auch zu verurteilen-, aber es muss möglich sein, schon alleine um vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen und um aus den Fehlern zu lernen.

Passend dazu las ich heute morgen einen Artikel auf Spiegel Online: Ein Mann soll einen anderen Mann auf das Gleisbett der New Yorker U-Bahn »gestoßen« haben. Im selben Moment fuhr ein Zug ein. Wäre dieses mutmaßliche Verbrechen einen eigenen Artikel wert? Wohl kaum. Der eigentliche Skandal ist, dass es ein Foto gibt. Ein Foto von dem um sein Leben kämpfenden Mann, abgedruckt in der Printausgabe der New York Post. Dank des Internets - Halleluja - lässt sich das Bild jedoch leicht finden.

In den USA ist jetzt offenbar eine Debatte eben darüber entbrannt. Denn klar ist: der Fotograf hätte helfen können, aber es waren - laut Aussagen - auch noch andere Personen anwesend. Die wiederum hätten es natürlich ebenfalls richten können. Das Leben aber ist kein Konjunktiv und mir wäre es zu einfach dem beizupflichten. Der Mann lebt nicht mehr, er wurde überfahren, so oder so. 

Mir scheint, als ginge diese »Debatte« völlig am Thema vorbei. Die grundsätzliche Problematik liegt viel eher darin, dass der Fotograf gänzlich unmoralisch gehandelt hat. Er hat die Szene gesehen, den Apparat gezückt und ausgelöst. That's it. Er war in diesem Moment also völlig seinem Trieb unterlegen, er war die sensationsgierige Masse, vereint in einer Person. Das ist, wie gesagt, unmoralisch, aber mindestens ebenso menschlich.

Ich finde es verlogen so zu tun als wäre man besser.

Jedes Bild eines Unfall, jedes Bild eines vermeintlichen Mörders und jedes Bild eines Opfers ist blanker Voyeurismus und bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Ich warte auf den Tag, an dem solche Fotos, solche Schlagzeilen, keine Klicks und Käufe mehr generieren. 

Dann wären wir wirklich zu besseren Menschen geworden.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Einbrecher

Der Kommissar macht seinen Aktenkoffer auf, der eigentlich gar kein Aktenkoffer ist. Er nimmt etwas heraus, dann klebt er das Fenster an der Unterkante ab, es scheint als würde er eine Probe nehmen, nur man sieht es nicht genau. Irgendwann hat er seine Arbeit getan und sagt: »Gut, das war's, ich melde mich dann bei Ihnen.«

Der Beamte verabschiedet sich. Er gibt die Hand, höflich aber bestimmt, er lächelt und merkt noch an, man werde alles dafür tun um den Fall zu lösen. Routiniert schreitet er zu seinem silbernen Passat, packt den Koffer in den Laderaum und schlägt die Heckklappe zu. Die Spuren der Reifen des Autos sind schon bald nicht mehr zu sehen. Die Blätter werden verweht, der Wind wird sie wegtragen. Die Spuren des Gegenstandes am Fensterrahmen aber, der das kleine massive Seitenfenster aus seiner Verankerung gehoben hat, diese Spuren bleiben. Man sieht sie nur, wenn man genau hinsieht.

Einen Tag später kommt ein Handwerker und tauscht das Glas aus. Die Metalltür im Innern wird begutachtet, sie wurde ebenfalls aufgebrochen, so als wäre sie aus Plastik. Bald danach wird schon eine neue Tür bestellt – immerhin weiß man jetzt, dass sie nichts bringt. Ansonsten ist wenig kaputt gegangen; zumindest von dem, was repariert werden könnte. Die Blätter und Fotos aus den Schubladen, die am Vortrag noch durchwühlt im Erdgeschoss herumlagen, sind wieder an ihren gewohnten Plätzen.

Vor einem Jahr und ein paar Tagen wurde bei uns eingebrochen. Es war kurz vor Dezember und es musste irgendwann in der Nacht gewesen sein. Wir waren im Haus und haben seelenruhig geschlafen. Und nichts davon geahnt.

Morgens kam mein Vater an mein Bett und fragte: »Warst du heute Nacht im Wohnzimmer?« Ich guckte ihn verschlafen an: »Was? Wie kommst du darauf?« Und auf einmal, urplötzlich, war ich sehr, sehr wach.

Wir gingen gemeinsam in das Zentrum unseres Familienlebens und sahen das Desaster.
Auf dem Esszimmertisch lagen alle Portemonnaies geöffnet: es fehlte das Geld, Ausweise und Karten blieben da. Alle Schubladen standen offen und waren durchwühlt, der Teppich war verrutscht. Im Untergeschoß lag ebenfalls alles durcheinander.

Was man empfindet ist schlimm und man vergisst es nicht.

Hier wo ich gerade stehe, hier schlich vor wenigen Minuten oder Stunden noch jemand herum. Ein Fremder, ein Krimineller, jemand der keine Scheu davor hat in das Privateste einzubrechen was ein Mensch besitzt. Vielleicht stand er genau hier, bewaffnet, und sah die Fotos an den Wänden. Und wenn man ihm mal im Supermarkt begegnen sollte: Wird er sich an einen erinnern und dann komisch schauen?

Vielleicht war er alleine, vielleicht auch nicht, vielleicht hat er - oder haben sie - auch überlegt hochzugehen, zu den Schlafzimmern, um zu sehen ob noch jemand da ist. Und dann immer die Frage: Wie eiskalt muss so jemand sein? Man hat dann einen Mann vor Augen, jemanden der nichts mehr zu verlieren hat. Man ist froh, dass nicht mehr passiert ist. Dass »nur« Geld weg ist. 

Das Gefühl der Sicherheit aber ist verloren, für eine lange Zeit.

Mein Papa erzählte mir erst später am nächsten Tag, dass er nachts im Wohnzimmer war. Weil er irgendwas gehört hatte, irgendein Krachen; und später sah er noch etwas leuchten. Er konnte es nicht zuordnen und so schaute er nach, er ging die Treppen hinunter – und er bemerkte: nichts. Wahrscheinlich waren es nur einige Zentimeter, eine Wand, hinter der die Einbrecher bereits in Stellung lauerten. Mein Vater ging wieder hoch und legte sich schlafen. 

Unser Haus ist jetzt gesichert; die Täter wurden nie geschnappt.

Montag, 3. Dezember 2012

Die Show-Illusion

Eines vorweg, ich persönlich liebe das Fernsehen. 

Damit bin ich auch nicht ganz alleine, zumindest wenn man den bekannten Statistiken zum Medienkonsum vertraut. Im Jahr 2011 zum Beispiel, schauten die Deutschen im Schnitt über drei Stunden pro Tag in die Glotze. Das ist ziemlich viel. Aber ja, ich finde das geht völlig in Ordnung. So gesehen müsste dieses Thema also eine Menge Leute interessieren.

In meinem Tagesablauf nimmt das Fernsehen folgerichtig auch seinen festen Platz ein. Also ebenso feste, wie ich auf der Couch klebe, sobald ich mich einmal vor die Röhre gesetzt habe. Zumeist ist das wenn ich abends nach Hause komme und gehirntechnisch einfach nur abschalten will. Glück gehabt, denn darauf ist das deutsche Fernsehen ja quasi ausgelegt.

Ich freue mich aber dennoch immer wieder, wenn ich feststelle, dass neben der Masse an Reality-TV und Abwandlungen verschiedener Talk-Formate, von Zeit zu Zeit doch noch Sportveranstaltungen oder Preisverleihungen gezeigt werden, sei es nun Fußball oder auch einfach nur der »Deutsche Fernsehpreis«. 

Man mag von diesen Veranstaltungen halten was man möchte, doch geben sie einem das Gefühl, echte Emotionen und echte Reaktionen sehen zu können. Dieses Gefühl kann nur entstehen, wenn die Dinge die passieren, scheinbar nicht von langer Hand geplant sind. Wenn Menschen gezeigt werden, die vom Schicksal überrascht werden und sich daraufhin freuen oder verzweifeln.
 
Klar ist auch, dass diese Formate ebenso von der schieren Unantastbarkeit ihrer Akteure leben. Wahrscheinlich ist es dieser Gegensatz: einerseits werden aus Stars Menschen, andererseits aus Spielfeldern und Bühnen nicht zu erreichende Sphären. Wie gesagt: eine Illusion. Vielleicht bin ich alleine, wenn ich sage: ich gebe mich dieser gerne hin.
 
Nur: wenn Kai Ebel nach einem Boxkampf als fast erster im Ring steht um den lächelnden Klitschko zu fragen: »Wie war's denn?«, wenn nach dem wichtigen Fußballderby nach zwei Minuten das erste Interview am Spielfeldrand stattfindet, wenn sich der Preisträger wieder hinsetzt und der Co-Moderator schon im Publikum lauert um zu fragen: »Wie hat sich das gerade angefühlt den Preis zu bekommen?«, dann wird diese Illusion zerstört.
 
Weil ich Dinge erfahre, die doch gar nicht Teil der Show sind, die mich eigentlich gar nicht interessieren, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Aber ich bekomme sie aufgezwungen, weil dann argumentiert wird: der Zuschauer will alles wissen, alles sehen und sofort an Ort und Stelle erfahren, wie sich der Protagonist fühlt. Aber möchte der Zuschauer das wirklich? Ich zumindest wurde noch nie gefragt. 

Meine Frage ist: Kann denn die Show nicht einfach eine Show bleiben?