Freitag, 14. November 2014

Der Weltraum-Botschafter

Der Weltraum umgibt uns immerzu – und doch denken wir nur selten an ihn. Oftmals möchte man sich gar nicht mit den vielen unbeantworteten Fragen auseinandersetzen. Wozu dann noch Menschen in den risikoreichen Orbit schicken und wertvolles Material verschleißen? Die enormen Anstrengungen und Investitionen, die in die Raumfahrt gesteckt werden, rufen zum Teil auch Sorge und Unverständnis hervor. Und selbst wenn es der Branche nicht gänzlich bewusst war: sie hat einen neuen Typus von Weltraum-Botschafter gebraucht.

Wie leicht und unbeschwert ein Weltraum-Botschafter wirken kann, das hat der elfte Deutsche im All, Alexander Gerst, in den letzten sechs Monaten bewiesen. Unter seinem Twitter-Namen @Astro_Alex wurde er während seiner Zeit auf der ISS zu einem Netzphänomen. Über Facebook und Twitter folgen ihm mehr als 300.000 Menschen. Mit ihnen teilt Gerst Eindrücke, Emotionen und tolle Bilder aus dem All.

Auch aus Sicht einer Kommunikationsberatung freut der Erfolg von @Astro_Alex. Durch seine vorbildliche Kommunikation lassen sich spannende Rückschlüsse im Bereich Social Media ziehen. Manche Vermutung und Beobachtung findet im Handeln und Kommunizieren von Alexander Gerst ihre Bestätigung. Die folgenden fünf Punkte sind ganz persönliche Rückschlüsse aus den sechs Monaten dieser spannenden ISS-Mission, die insbesondere in den sozialen Medien viele Menschen begeistert hat.

Quelle: https://twitter.com/Astro_Alex/status/531541541039669249

1. Authentizität: „Sei authentisch!“ Was zumeist einfacher gesagt als getan ist. Auch der Spiegel befasste sich Anfang September mit der Problematik, insbesondere bei Politikern. Das Problem: der Versuch, authentisch zu wirken, bewirkt das genaue Gegenteil. Beim Astronauten-Casting hat sich Gerst gegen rund 8400 Bewerber durchgesetzt. Er befasst sich als Geophysiker mit Dingen, die die Mehrheit wohl nicht einmal versucht zu verstehen. Er flog in 330 km Höhe über uns hinweg, und wirkte doch ziemlich auf dem Boden geblieben. Alexander Gerst beweist, welchen enormen Vorteil eine natürliche Leidenschaft für ein Thema mit sich bringt und wie gut sie beim Publikum ankommt.

2. Kommunikation auf Augenhöhe: Gerst spricht nicht zum Publikum herab, er begegnet uns auf Augenhöhe. In seinen Beiträgen, ob auf Facebook oder auf Twitter, bezieht er ganz weltliche Ereignisse und Erscheinungen mit ein. Ihn überfiel die Lust auf eine Pizza und er freute sich darauf bald wieder in einem Wald Joggen zu gehen. Gerst setzt seine Erlebnisse in einen Kontext, den jeder Leser verstehen kann. Den „Overview-Effekt“ (nach der Rückkehr sprechen viele Astronauten von einem neuen Verständnis für die Welt) macht er greifbar und verständlich. Gerst verstellt sich nicht, er ist sich treu, und er spricht die Sprache seines Publikums.

3. Dran bleiben: Alexander Gerst meldete sich so gut wie jeden Tag bei seinen Followern und animierte zum „Dranbleiben“. Social Media ist für ihn offenbar nicht nur lästige Pflicht, sondern eine Selbstverständlichkeit, die er nicht als zusätzliche Arbeit, sondern als Teil davon begreift. Gerst beweist, dass die Community ein stetiges Engagement dankt. Mit Followern, Retweets und durch Aufmerksamkeit.

4. Bilder: Gersts zum Teil philosophische und tiefgreifende Tweets hätten aller Wahrscheinlichkeit nach ohne die passende Visualisierung nur ein sehr kleines Publikum erreicht. Seine Bilder und Aufnahmen, auch seine Fernsehauftritte, sind nicht nur eindrucksvoll und stark, sie erzeugen auch eine Nähe zum Ereignis. Das Publikum ist in der Lage, die Perspektive von Gerst einzunehmen – wir betrachten die Welt mit seinen Augen. Dies macht seine Social Media-Aktivität zu einem einmaligen Ereignis.

5. Mensch sein: Gerst ist und war kein Roboter, sondern ein normaler Mensch, der eine Zeit lang im Weltraum war. Sein Tweet zum Thema des Israel/Hamas-Konflikts hätte auch politisch diskutiert werden können – er wurde es jedoch nicht. Er sprach aus dem Bauch heraus, subjektiv ja, aber doch nicht wertend. Eine womöglich aufgesetzte, überkorrekte Handhabung des Themas hätte Kontraproduktiv sein können – Gerst kommentierte es einfach, bitter und verständlich als sein „traurigstes Bild“. Jeder verstand und fühlte mit.

@Astro_Alex hat uns den Weltraum ein Stück näher gebracht und neue Einblicke in eine Dimension eröffnet, die den meisten von uns wahrscheinlich nie begegnen wird. Dass ein so anspruchsvolles, technisches Thema, so authentisch und verständlich vermittelt werden kann, zeigt Alexander Gerst und kann Vorbild für viele andere Unternehmen sein. Hier geht’s direkt zu den Twitter-Accounts von @Astro_Alex, dem @DLR_de und der @esa.

Dieser Text erschien so zuerst auf dem Blog von Ketchum Pleon Deutschland, zu finden hier.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Gauchogate

Oder: Was haben wir überhaupt für ein Problem?

Seien wir ehrlich – es geht gar nicht um irgendeinen Fangesang. Dieser ist genauso Geschmackssache wie die Frage, ob man Oliven mag, oder eben nicht mag. Ich mag keine Oliven, habe aber großen Respekt vor Menschen, die Oliven mögen!

Was wir gestern (und heute) erlebt haben, war das Setzen einer Agenda vom Feinsten. Außer ein paar Leuten, hat diesen Gaucho-Kindertanz nämlich zunächst niemand beachtet. 

Sie zeigen Humor, hurra!, war vielleicht eine Reaktion (meine zumindest war es), als die Spieler auf die Bühne gingen und Lustiges veranstalteten.

Denn etwas unvorhersehbares passierte plötzlich auf dieser Fete, die vom vierten Mercedesstern auf dem Truck bis zu Helene Fischer als „große Überraschung“, ja nur so vor Inszenierung strotzte. „Unsere Jungs“ hatten sich kleine Späße ausgedacht und beglückten ihre Fans.

Was fehlte Spiegel Online, TAZ & Co. aber am Ende noch? Na klar, ein Skandal, über den man schreiben konnte.

So wurde aus nichts ein Elefant gemacht. Und an dem Punkt, an dem sich die ersten Leser über den neu geschaffenen Elefant ärgerten, wurde er auf einmal relevant. Irgendwas muss ja dran sein, wenn die Story so vielfach geklickt wird.

Dass die Story aber nur geklickt wurde, weil sie von vorne bis hinten absurd ist, das ignorierte man. Dass der Imageschaden für Deutschland, den die Spieler angeblich anrichteten, vor allem durch die mediale Verbreitung eben jener Presseorgane womöglich erst entstanden ist, ignorierte man übrigens auch.

Ernüchternd bleibt zu sehen, wie einfach es scheinbar ist, ein Thema, eine Agenda, zu setzen. Sei die Geschichte noch so blöd und an den Haaren herbeigezogen. Jetzt diskutiert man tatsächlich über den Gaucho-Tanz und tut jenen Redakteuren, die einfach Lust auf Stunk hatten, den größten Gefallen.

Irgendwie entsetzt mich das. Mich entsetzt, mit welchem Nonsens journalisischer Inhalt erzeugt wird. Ob sich die betreffenden Journalisten/Verlage damit selbst einen Gefallen getan haben? Ich warte mal ab. Glaubwürdigkeit haben die Online-Informationsplattformen, die ich so nutze, jedenfalls nicht gewonnen.

Samstag, 14. Dezember 2013

Warum Erasmus nicht nur Party ist

– eine Gegendarstellung


Dieser Text ist eine Reaktion auf den FAZ-Artikel »Nachhaltiges Trinken macht die Pflege der Fremdsprache entbehrlich« von Leander Steinkopf. Zu finden: hier.

Wenn Leander Steinkopf über das europäische Förderprogramm Erasmus schreibt, dann ist die Sache klar. Hinter diesem Kürzel verbergen sich, da ist der FAZ-Journalist von überzeugt, nächtelange Sex- und Alkoholexzesse, schlechtes Englisch und die »Isolation« der Studierenden in einem »speziellen« Wohnheim. Saubere Recherche? Differenzierung? Wozu das alles, wenn es mit einem einfachen Urteil doch sehr viel schneller geht. So schließt Herr Steinkopf mit dem grandiosen Satz: »Europa ist im Suff vereint.« Dafür hat ihm der CvD sicherlich auf die Schulter klopft. Bravo!

Natürlich könnte man an dieser Stelle fragen, ob denn nicht die ganze Welt im Sex, Suff und Exzess vereint ist. Das wäre dann ein spannender Essay über die sozialen Abgründe unserer Gesellschaft geworden. Aber darum geht es in dem kurzen Artikel nicht. Es geht viel mehr um das Schaffen eines seichten schwarz-weiß-Szenarios, dessen Leidtragenden schlussendlich gerade wir, die Studenten, sind. Inzwischen hat es sich diese Scheinwahrheit nämlich bis zu den Personalverantwortlichen in den Firmen gesprochen. Erasmus, das sei ein gesponsertes Urlaubssemester, verplemperte Zeit also. Und so passiert es, dass man auf seine Auslandserfahrung nicht mehr stolz sein darf, sondern statt Erasmus-Semester lieber Auslandssemester in seinen Lebenslauf schreibt.

Grundsätzlich ist der Text von Leander Steinkopf jedoch derart ärgerlich, weil es selbstverständlich Verbesserungsbedarf im Erasmus-Universum gibt. Die Betreuung der Studierenden beispielsweise, wird einem von ehrenamtlichen Helfern verwalteten Apparat namens Erasmus Student Network (ESN) überlassen. Dessen Aufgabe sehen die Verantwortlichen wohl eher im interkulturellen, denn im kulturfördernden Bereich. Den Vertrauensvorschuss, den die EU als Geldgeber offensichtlich dem ESN gegenüber zeigt, kann man durchaus als Naivität bezeichnen. Daneben ist das Angebot seitens der Universität an interessanten Vorlesungen und Seminaren zum Teil nur schwach. Wohl eine Art Deal, mit dem Inhalt, erwarte nichts von deinem Dozenten, dann erwartet dieser auch nichts von dir.

Ganz im Gegenteil sollte man also versuchen den Studenten die universitären Sahnestückchen nicht vorzuenthalten. Es kostet schon einige Anstrengung, in einen Kurs zu gelangen, der einen auf akademischer Ebene wirklich weiterbringt. Diese Missstände sind von Universität zu Universität jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt. So unterschiedlich, wie Kulturen nunmal sind. Und gezwungen wird man weder zu Partyexzessen noch in schlechte Seminare. Es liegt an einem selbst, wie das in der Erwachsenenwelt nunmal ist. Und darauf soll das Studium doch schlussendlich vorbereiten – oder?

Bitter bleibt es. Der FAZ-Artikel ignoriert die Chance zur sachlichen Auseinandersetzung konsequent, ist durch und durch tendenziös und disqualifiziert sich damit im Endeffekt selbst. Es ist ein echtes Ärgernis, dass ein europäisches Projekt, das junge Menschen vieler Staaten zusammenführt, auf den Aspekt des Rausches reduziert wird. Es ist denen gegenüber unfair, die eine erlebnisreiche und prägende Erfahrung machen und die sich einen Auslandsaufenthalt ohne dieses Programm nicht leisten könnten.

Solche Berichte fördern die europäische Idee jedenfalls nicht. Sie begraben sie.

Dienstag, 5. März 2013

Betr.: Tugendfuror.

Liebe Medien, 

Gott sei Dank wurden meine Gebete erhört und die Würde des Amtes ist unverletzt geblieben: Joachim Gauck ist weiterhin Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Ich hatte ehrlich Angst, denn heutzutage ist schließlich alles möglich.

Die Empörungsmaschinerie hatte schon wieder an Fahrt aufgenommen, nachdem Gauck im Spiegel den Begriff "Tugendfuror" erwähnte. Es ging um den öffentlichen Umgang mit Rainer Brüderle. Tugendfuror 2.0 ist aber ausgeblieben und Gauck blieb verschont. Vorerst. Vielleicht ja auch, weil ihr Euch ein wenig ertappt gefühlt habt und in einem schwachen Moment dachtet: „Okay, vielleicht übertreiben wir es manchmal doch ein wenig.“  

Ich bin mir dessen aber keineswegs sicher, deswegen sind die nächsten Zeilen unvermeidlich. Es liegt mir etwas auf dem Herzen, liebe Medien, es geht um Euer Handeln bei Skandalen. Vor allem, weil ihr Euch immer so gerne darauf beruft die Hüter der Demokratie zu sein, objektiv zu berichten, keine Hetze zu betreiben. Aber genau das ist falsch. Habt ihr ein Opfer auserkoren, seid ihr nicht mehr zu bremsen.

Und so kommt es, dass ihr immer weniger hütet und beschützt; viel lieber zerstört ihr Menschen, macht die Demokratie mit boulevardeskem Schrott kaputt: Mit Scheininformationen, die zu nichts führen, außer zum Niedergang einer bestimmten Person, einer bestimmten Institution, einer bestimmten Sache. Es sind Skandale und Debatten, deren einziger Wert die Unterhaltung ist. Dabei entstehen tonnenweise Artikel, wiederaufbereiteter Müll, umformulierte Agenturmeldungen. Ein einziger zäher Einheitsbrei, wohin man blickt, wohin man liest. Dann sagt ihr, der Betreffende wurde nicht in die Öffentlichkeit gezwungen, er muss mit den Konsequenzen, den Erwartungen, damit muss er leben. Aber euch, liebe Medien, zwingt doch auch niemand dazu jemanden niederzumachen und niederzuschreiben.

Ihr seid auch nicht objektiv, weil das gar nicht funktioniert, gar nicht funktionieren kann; wie könntet ihr es überhaupt sein? Medien, seid ehrlich, ihr seid von Menschen gemacht, simplen Subjekten. Tut wenigstens nicht so, als würdet ihr sachlich sein. Es geht um Klicks, um Likes, um Aufmerksamkeit. Darum, Leser für einen Moment zu fesseln, um sie womöglich langfristig zu binden, ihnen Werbeeinblendungen zu zeigen und damit Geld zu verdienen. Es ist Euch so unendlich egal, welche Sau ihr dafür vor Euch her treibt, so lange es sich profitiert, sich das für euren Auftraggeber rentiert. Es ist auch nicht schlimm, aber wenigstens ehrlich könntet ihr sein.

Und ihr hetzt, weil es nun mal Hetze ist, wenn man berichtet, obwohl es nichts zu berichten gibt. Wenn man tagelang meldet, wer, was, zu wem und warum sagt oder gesagt hat. Wenn man sich billige Worte aus den Fingern saugt, die keinen Inhalt haben. Wenn Umfragen gemacht, Deutschland-Trends produziert, Wortmeldungen eingeholt, Fragespiele ausgedacht werden.

Bin ich ein/e Brüderle?, fragt beispielsweise Bild um den Leser zu einem Brüderle-selbst-Test zu animieren. Ich frage: Meint ihr das ernst? Wenn es wirklich um das Thema ginge, wenn ihr etwas beizutragen hättet, wenn ihr die Gesellschaft verbessern wolltet, dann bräuchtet ihr keinen Brüderle, ihr bräuchtet keinen Wulff. 

Sondern ihr würdet sagen: Es gibt ein Sexismusproblem in diesem Land. Frauen werden benachteiligt, in Büros begrapscht, alte Männer flirten junge Frauen despektierlich an. Das ist ein Problem, wir wollen das ändern. Ihr würdet sagen: Es gibt korrupte Politiker. Es gibt Politiker, die haben ein Amt, von ihnen wird moralisch mehr erwartet als von anderen, aber sie halten sich nicht daran. Das ist ein Problem, lasst uns darüber reden. Ihr würdet recherchieren, Dinge benennen, aber ihr tut es nicht, sondern ihr zerstört in dieser Zeit, mit diesen Ressourcen, lieber die betreffende Person. Weil das einfacher ist. Und auch, weil ihr schlicht über die Möglichkeiten verfügt.

Ihr macht das mit einer Arroganz, mit einer angeblichen Unfehlbarkeit, die für jeden gilt außer für Euch selbst. Mit einer Arroganz, die suggeriert, dass ihr für alle sprecht. Aber, liebe Medien, diejenigen die Euch schaffen, sind politisch eher links als rechts, sie sind seltener verheiratet, häufiger geschieden, sie haben weniger Kinder, sie sind besser gebildet als der Durchschnitt. Vielleicht trinken sie auch mehr Alkohol und gehen später ins Bett. Es sind Tatsachen, naheliegende Vermutungen, die zu dem Schluss kommen, dass es Tugendfuror, die Hysterie um Ausrutscher bekannter Personen, schlussendlich eben doch gibt, dass Gauck schlussendlich Recht hat.

Vielleicht seid ihr gar nicht Schuld, sondern es gibt böse Menschen in bösen Redaktionen die Böses verlangen. Aber wäre es nicht umso sinnvoller, sachliche Artikel über Verfehlungen zu schreiben? Zu fragen, welche Konsequenz eine bestimmte Verfehlung nach sich ziehen sollte? Glaubt ihr wirklich, die Menschen wollen alle paar Wochen eine Hetzjagd sehen?

Wie auch immer die Antwort ausfällt: Ihr bewertet lieber sofort, stellt Urteile aus, straft Menschen ab. Nach einem erdachten Moralkodex, einem Tugendverständnis, das nirgendwo festgeschrieben ist, dessen Inhalt lediglich vermutet werden kann. Ist jemand prominent, erhält er oder sie ein wichtiges Amt, begeht einen skandaltauglichen Fehler - dann geht es vielleicht los, mit dem Tugendfuror. Am Ende steht die Person zumeist hingerichtet da. Allerdings nicht physisch, nicht mental, sondern: sozial.

Ist das wirklich alles, was ihr könnt?

Herzliche Grüße
Robert

Dienstag, 15. Januar 2013

Heute gehe ich laufen.

Ich gehe schlafen; und morgen früh gehe ich laufen. Wirklich, echt. Laufen, gleich morgen früh. 

Ich wiederhole es innerlich vor mich hin, trage es vor mir her, die Gedanken beginnen zu kreisen und das Unterbewusstsein fängt an lange Bahnen zu ziehen, wie ein langsamer, gemächlicher Brustschwimmer in einem weiten Schwimmbecken.

Die kalte Winterluft, ich stelle sie mir vor, und dazu die Stille im Feld, meine Fußstapfen im hauchdünnen Schnee, eine Landschaft, die die Schallfrequenzen in sich aufsaugt. Dann, im Anschluss, das Gefühl den vielbeanspruchten Körper unter die Dusche zu stellen und den Dampf hinaufsteigen zu sehen; das Wasser dringt in die Poren. 

Der Spiegel beschlägt, meine Sicht beschlägt, ich schließe meine Augen. Schon bin ich eingeschlafen. Es ist nur ein Zwinkern, ein Augenaufschlag, und die Nacht ist vorbei. Wie gut habe ich geschlafen? Zu gut habe ich geschlafen.

Der Blick öffnet sich und draußen ist es kalt; auch im Zimmer ist es kalt. Die Wiese vor dem Fenster ist eingefroren und glänzt weiß. Mein Körper ist warm, er will nicht hinaus. Dann klingelt der Wecker. Erstaunlicherweise bin ich von alleine aufgewacht, eine ganze Stunde früher als sonst. Ich wäge ab; wobei es eigentlich kein Abwägen ist, wenn die Entscheidung schon feststeht.

Ich denke mir, jetzt gehe ich nicht laufen, denn später, am Vorabend, kann ich auch noch laufen gehen. Der Wecker wird eine Stunde später klingeln, das Aufstehen ist aber unterdessen nicht leichter geworden.

Unter der Dusche stelle ich mir vor, dass ich gerade zurückgekommen wäre: Das verschwitzte Shirt, die kalten Hände. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, aber ich fühle es nicht; weil man sich dieses Gefühl verdienen muss. Diesen kleinen Kampf gegen die innere Bequemlichkeit, die so menschlich, wie banal ist, muss man zu aller erst gewinnen. Erst dann gibt es das Gefühl etwas geschafft zu haben.

Der Tag geht rum, die Zeit plätschert dahin. Es ist eine Mischung aus Müdigkeit und Inaktivität, sie gräbt den Körper in sich ein. Der Sport am Morgen hätte gut getan, ja, gut getan - aber es ist nur ein »hätte«. Vieles wäre leichter, wenn man es denn tatsächlich tun würde - dieser wiederkehrende Konjunktiv nervt mich.

Das Problem ist: Ich weiß schon jetzt, wenn ich am nächsten Tag morgens aufwache, wird es wieder so verdammt gemütlich sein - und draußen so verdammt kalt. 

Ich werde denken: Gott, ich lasse es doch nur heute ausfallen, ich bin sonst doch ziemlich diszipliniert, und ja, die Welt hat größere Probleme als meinen fehlenden Willen in den morgendlichen Stunden.

Wieder ist es spät abends geworden, es war wieder nur ein Zusammenziehen der Augen.
Dann schon dämmert mein Blick hinfort.

Montag, 24. Dezember 2012

Nur irgendeine Bombe

Scherben, Trümmer, Schreie, Blut. Eine Bombe explodiert und Menschen sterben. Wobei; sie sterben nicht nur, sie werden getötet, ermordet. Der Druck und die herumfliegenden Splitter töten willkürlich, aber präzise - Körper werden zerstampft und zerrissen. Ja, Bomben sind ein furchtbarer vom Menschen erdachter Albtraum.

Mein Schnitzel wird wohl gerade fertig gemacht. Ich sitze am Tisch und starre auf mein Smartphone. Es gab Zeiten, da hatte die Zivilisation noch bessere Manieren. Irgendwann erscheint auf dem Display: »Eilmeldung - Bonner Hauptbahnhof wegen verdächtiger Tasche gesperrt.«

Ich sitze in der Südstadt, die kleine Imbissbude kennt jeder dort, und ich ärgere mich. Wäre ich sofort nach der Vorlesung zum Hauptbahnhof gegangen, in den Zug gestiegen, wäre ich jetzt schon zu Hause. So aber - Hauptbahnhof, verdächtige Tasche - ahne ich schon welche Odyssee mir bevorsteht. 

Vorerst esse ich aber in Ruhe und trinke meine Cola aus, draußen fängt es zu regnen an. Irgendwann schaue ich wieder auf mein Handy, es gibt nichts neues. Ich bezahle, gehe los, zur Straßenbahn, fahre gen Süden, auch dort: keine Züge. 

Nach zwei Stunden warten geht es weiter.

In keiner Sekunde habe ich mir über die Bombe an sich Gedanken gemacht. Sie war nur ein ärgerlicher Grund für eine Verspätung. Ich kam später nach Hause als sonst, das nervte mich. Ist das gut oder schlecht? Bin ich abgestumpft? 

Am nächsten Tag fuhr ich wieder mit dem Zug nach Bonn. Es waren keine Polizeiabsperrungen zu sehen, alles war normal. Ich stieg aus, ging über den Bahnsteig und fuhr mit einer der Rolltreppen hinunter. 

Für mich passierte an diesem Montag vor zwei Wochen, diesem 10. Dezember, rein gar nichts. Es war nur irgendeine Bombe.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Mein Lieblingsbuch

"Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn." - Jorge Luis Borges 

Antoine de Saint-Exupéry ist mein absoluter Favorit unter den Autoren, sein bekanntestes Werk ist »Der kleine Prinz« aus dem Jahr 1943. Es erzählt von einem Piloten, der mit seinem Flugzeug in einer Wüste notlanden muss und in dieser menschenbedrohlichen Umgebung einem kleinen Jungen von einem fremden Planeten begegnet. Es ist eine berührende Geschichte, leicht geschrieben und doch behandelt »Der kleine Prinz« die großen Themen des Lebens. Ich lese es immer wieder gerne, doch mein Lieblingsbuch ist es nicht geworden.

Saint-Exupéry starb bei einem Flugzeugabsturz, die Umstände sind bis heute nicht gänzlich geklärt. Gewiss macht das einen Teil der Anziehungskraft des Autors aus. Für mich noch spannender ist aber die Tatsache, dass sein Hauptwerk ziemlich unbekannt geblieben ist. Es heißt: »Die Stadt in der Wüste« oder im Original »Citadelle«.

Der Autor selbst hat die Veröffentlichung leider nicht mehr erlebt, weswegen auch kein zusammenhängender Plot zu lesen ist. Seit dem Jahr 1938 arbeitete Saint-Exupéry am Manuskript, er schrieb handschriftlich, dann wieder mit Schreibmaschine. Zufrieden schien er nie zu sein und so fand eine wirkliche Sichtung des Materials seinerzeit auch nie statt; erst postum wurde das Material durchforstet, mit dem Ergebnis, dass alles, die gesamten Fragmente, veröffentlicht wurden. Umso mehr trifft das Zitat vom Beginn dieses Textes zu: man hat wirklich das Gefühl, man würde mit einem fremden Gehirn denken, wobei die Interpretation völlig einem selbst überlassen bleibt. Das Lesen hat etwas sehr meditatives – und ich bin weiß Gott kein Esoteriker.

Wie also liest sich »Die Stadt in der Wüste«? Geschrieben ist es aus der Sicht des Sohns des Königs, der die Stadt, die Menschen, die Natur und das Leben beobachtet und auf eine vielschichtige Weise beurteilt und analysiert. Es finden sich sowohl sehr moralphilosophische als auch religiöse Ansätze. Je weiter man aber voranschreitet, desto gewalttätiger werden die Ausführungen.

Man muss das Buch wirklich selbst lesen um es zu begreifen, und besonders wichtig ist: sich dabei konzentrieren. Der folgende Abschnitt hat mir übrigens besonders gut gefallen und gibt einen Einblick in die Schreibweise.
»Ich gedachte jedoch meines Vaters: [...] Wenn sich die Menschen hassen, so höre nicht auf die törichte Aufzählung der Gründe, aus denen sie sich zu hassen glauben! Denn sie haben noch ganz andere Gründe als die, die sie anführen und an die sie nicht gedacht haben. Sie haben ebenso viele um sich zu lieben. Und ebenso viele, um gleichgültig nebeneinander her zu leben. Und ich, der ich nie die Worte beachte, da ich weiß, dass das, was hinter ihnen steckt nur ein schwer zu entzifferndes Zeichen darstellt - genauso wie die Steine des Gebäudes nicht den Schatten und die Stille offenbaren, genauso wie die Baustoffe des Baumes nicht den Baum erklären -, warum hätte ich die Bausteine ihres Hasses beachten sollen? Sie bauten ihn wie einen Tempel und verwandten dazu die gleichen Steine, mit denen sie ihre Liebe gebaut hätten.« 
Dieser Absatz ist so unglaublich wahr. Aber trotzdem: entweder man mag diesen Stil oder man hasst ihn. Ich liebe diese Art und Weise und kann das Werk aus meiner Sicht nur weiterempfehlen. 


»Die Stadt in der Wüste«, 744 Seiten, 24,90 €.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Mensch, Moral und Medien

»Festnahme: New Yorker Polizei fasst mutmaßlichen U-Bahn-Mörder.«

-----

Die Rolle von Journalisten bei der sogenannten Geiselnahme von Gladbeck empörte im August 1988 deutschlandweit die Gemüter und obwohl ich selbst noch gar nicht auf der Welt war, kann ich das ziemlich gut nachvollziehen. Die Frage ist natürlich: Könnte das in unserer heutigen Zeit erneut passieren? Ich denke »ja«, weil die Menschen die selben geblieben sind. Es ist die gleiche sensationsgierige Masse wie vor 24 Jahren.

Mir ist schon klar, dass es ein Leichtes ist die Vergangenheit zu beurteilen - und irgendwie auch zu verurteilen-, aber es muss möglich sein, schon alleine um vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen und um aus den Fehlern zu lernen.

Passend dazu las ich heute morgen einen Artikel auf Spiegel Online: Ein Mann soll einen anderen Mann auf das Gleisbett der New Yorker U-Bahn »gestoßen« haben. Im selben Moment fuhr ein Zug ein. Wäre dieses mutmaßliche Verbrechen einen eigenen Artikel wert? Wohl kaum. Der eigentliche Skandal ist, dass es ein Foto gibt. Ein Foto von dem um sein Leben kämpfenden Mann, abgedruckt in der Printausgabe der New York Post. Dank des Internets - Halleluja - lässt sich das Bild jedoch leicht finden.

In den USA ist jetzt offenbar eine Debatte eben darüber entbrannt. Denn klar ist: der Fotograf hätte helfen können, aber es waren - laut Aussagen - auch noch andere Personen anwesend. Die wiederum hätten es natürlich ebenfalls richten können. Das Leben aber ist kein Konjunktiv und mir wäre es zu einfach dem beizupflichten. Der Mann lebt nicht mehr, er wurde überfahren, so oder so. 

Mir scheint, als ginge diese »Debatte« völlig am Thema vorbei. Die grundsätzliche Problematik liegt viel eher darin, dass der Fotograf gänzlich unmoralisch gehandelt hat. Er hat die Szene gesehen, den Apparat gezückt und ausgelöst. That's it. Er war in diesem Moment also völlig seinem Trieb unterlegen, er war die sensationsgierige Masse, vereint in einer Person. Das ist, wie gesagt, unmoralisch, aber mindestens ebenso menschlich.

Ich finde es verlogen so zu tun als wäre man besser.

Jedes Bild eines Unfall, jedes Bild eines vermeintlichen Mörders und jedes Bild eines Opfers ist blanker Voyeurismus und bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Ich warte auf den Tag, an dem solche Fotos, solche Schlagzeilen, keine Klicks und Käufe mehr generieren. 

Dann wären wir wirklich zu besseren Menschen geworden.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Einbrecher

Der Kommissar macht seinen Aktenkoffer auf, der eigentlich gar kein Aktenkoffer ist. Er nimmt etwas heraus, dann klebt er das Fenster an der Unterkante ab, es scheint als würde er eine Probe nehmen, nur man sieht es nicht genau. Irgendwann hat er seine Arbeit getan und sagt: »Gut, das war's, ich melde mich dann bei Ihnen.«

Der Beamte verabschiedet sich. Er gibt die Hand, höflich aber bestimmt, er lächelt und merkt noch an, man werde alles dafür tun um den Fall zu lösen. Routiniert schreitet er zu seinem silbernen Passat, packt den Koffer in den Laderaum und schlägt die Heckklappe zu. Die Spuren der Reifen des Autos sind schon bald nicht mehr zu sehen. Die Blätter werden verweht, der Wind wird sie wegtragen. Die Spuren des Gegenstandes am Fensterrahmen aber, der das kleine massive Seitenfenster aus seiner Verankerung gehoben hat, diese Spuren bleiben. Man sieht sie nur, wenn man genau hinsieht.

Einen Tag später kommt ein Handwerker und tauscht das Glas aus. Die Metalltür im Innern wird begutachtet, sie wurde ebenfalls aufgebrochen, so als wäre sie aus Plastik. Bald danach wird schon eine neue Tür bestellt – immerhin weiß man jetzt, dass sie nichts bringt. Ansonsten ist wenig kaputt gegangen; zumindest von dem, was repariert werden könnte. Die Blätter und Fotos aus den Schubladen, die am Vortrag noch durchwühlt im Erdgeschoss herumlagen, sind wieder an ihren gewohnten Plätzen.

Vor einem Jahr und ein paar Tagen wurde bei uns eingebrochen. Es war kurz vor Dezember und es musste irgendwann in der Nacht gewesen sein. Wir waren im Haus und haben seelenruhig geschlafen. Und nichts davon geahnt.

Morgens kam mein Vater an mein Bett und fragte: »Warst du heute Nacht im Wohnzimmer?« Ich guckte ihn verschlafen an: »Was? Wie kommst du darauf?« Und auf einmal, urplötzlich, war ich sehr, sehr wach.

Wir gingen gemeinsam in das Zentrum unseres Familienlebens und sahen das Desaster.
Auf dem Esszimmertisch lagen alle Portemonnaies geöffnet: es fehlte das Geld, Ausweise und Karten blieben da. Alle Schubladen standen offen und waren durchwühlt, der Teppich war verrutscht. Im Untergeschoß lag ebenfalls alles durcheinander.

Was man empfindet ist schlimm und man vergisst es nicht.

Hier wo ich gerade stehe, hier schlich vor wenigen Minuten oder Stunden noch jemand herum. Ein Fremder, ein Krimineller, jemand der keine Scheu davor hat in das Privateste einzubrechen was ein Mensch besitzt. Vielleicht stand er genau hier, bewaffnet, und sah die Fotos an den Wänden. Und wenn man ihm mal im Supermarkt begegnen sollte: Wird er sich an einen erinnern und dann komisch schauen?

Vielleicht war er alleine, vielleicht auch nicht, vielleicht hat er - oder haben sie - auch überlegt hochzugehen, zu den Schlafzimmern, um zu sehen ob noch jemand da ist. Und dann immer die Frage: Wie eiskalt muss so jemand sein? Man hat dann einen Mann vor Augen, jemanden der nichts mehr zu verlieren hat. Man ist froh, dass nicht mehr passiert ist. Dass »nur« Geld weg ist. 

Das Gefühl der Sicherheit aber ist verloren, für eine lange Zeit.

Mein Papa erzählte mir erst später am nächsten Tag, dass er nachts im Wohnzimmer war. Weil er irgendwas gehört hatte, irgendein Krachen; und später sah er noch etwas leuchten. Er konnte es nicht zuordnen und so schaute er nach, er ging die Treppen hinunter – und er bemerkte: nichts. Wahrscheinlich waren es nur einige Zentimeter, eine Wand, hinter der die Einbrecher bereits in Stellung lauerten. Mein Vater ging wieder hoch und legte sich schlafen. 

Unser Haus ist jetzt gesichert; die Täter wurden nie geschnappt.

Samstag, 1. Dezember 2012

Vorweihnacht

Heute ist der erste Dezember.

Wie jedes Jahr stellen sich die selben Fragen und man weiß: Antworten wird es keine geben. Wahrscheinlich will man auch gar keine Antworten.

Warum rennt die Zeit bloß so? Wie schnell ist das Jahr wieder vergangen? Ist das wirklich Marzipan im Supermarkt? Ist das in Ordnung oder nicht alles zu früh? 
Lag ich nicht eben noch am Badesee, hielt ein kaltes Bier in der Hand und cremte mich ständig ein, weil ich Angst vor einem Sonnenbrand hatte?

Nein, verdammt, das ist schon vier Monate her. Vier ganze Monate - fast ein halbes Jahr. Damals war das Gras noch sattgrün und die Balkontür stand offen und warme Saharaluft wehte durch das Wohnzimmer. Im Schwimmbad roch es nach Chlor und Frittenfett.

Der Weihnachtsmarkt ist jetzt seit etwas mehr als einer Woche geöffnet. Die Leute hetzen und irren und wirren mit Einkaufstüten durch die Stadt und trinken und essen mehr als sonst. Ich stehe mittendrin und denke:

»Ja, wir rennen. Aber die Zeit auch. Es ist Vorweihnacht. Eigentlich könnte man jetzt auch zurückschalten.« Ich trinke meinen Glühwein aus; und dann gehe ich nach Hause. Einfach so.